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Der Strom Poker: Verbraucher haben keine guten Karten

Ein Durchschnittshaushalt muss nächstes Jahr mit einer Stromrechnung deutlich über 1000 Euro rechnen. Hauptschuld daran trägt die Politik, die leider erfolgreich eine Anpassung bei der Solarförderung verhindert hat. So explodierte der Bau von Solaranlagen in den letzten beiden Jahren geradezu, denn die hohe Einspeisevergütung ist für 20 Jahre festgeschrieben. Sie liegt jedenfalls deutlich über 10 cent/kWh gegenüber einem Börsenpreis an der Leipziger Strombörse von unter 4 cent/kWh.

Laut EEG muss der teure Strom von den Energieerzeugern vorrangig abgenommen werden und verursacht so Mehrkosten von rund 3 Mrd. Euro pro Jahr, die hauptsächlich von den Privathaushalten getragen werden müssen. Schuld daran sind die exzessiven Ausnahmeregelungen für die von der Bundesregierung privilegierten Großabnehmer, die von der Ökoumlage befreit sind. Dadurch steigt im nächsten Jahr die Umlage für die nicht privilegierten Abnehmer um 25% von 5,28 auf 6,5 cent/kWh.

Hauptgrund ist die Berechnungsgrundlage für die Umlage. Gezahlt werden muss die Differenz zwischen dem an der Strombörse erzielten Preis für Wind- und Solarstrom und dem auf 20 Jahre garantierten festen Vergütungssatz. Da der Börsenstrompreis 2013 viel geringer ist als kalkuliert, wächst diese Differenz stark. Die erneuerbaren Energien verbilligen zwar massiv den Stromeinkauf, aber dadurch wächst die im Endkundenpreis enthaltene Umlage. Selbst wenn in diesem Jahr kein einziges neues Windrad installiert würde.

Die Strompreise müssen dadurch nicht zwangsläufig steigen. Aber Versorger geben gesunkene Einkaufspreise an der Strombörse meist kaum weiter. Stattdessen laufen bisweilen auch noch zu viele Kohlekraftwerke durch. Der Stromexport erreicht dadurch immer neue Rekordhöhen, ebenso die Gewinne der Stromerzeuger.

Wir erinnern uns an das Versprechen von uns‘ Angela: „Die EEG-Umlage soll nicht über ihre heutige Größenordnung hinaus steigen; heute liegt sie bei etwa 3,5 Cent pro Kilowattstunde.“ Eine fette 100-%-Lüge, denn bei 3.500kW/h Jahresverbrauch sind jetzt 227,50 Euro fällig statt 122 Euro im Jahre 2011.

Warum ist die angeblich so billige Energiewende so aus dem Ruder gelaufen?

  • Punkt 1: Der starke Solarzubau. Allein 2010 bis 2012 wurden über 22 000 Megawatt an neuer Leistung installiert, trotz mehrerer Förderkürzungen treibt das die Umlage.
  • Punkt 2: Immer mehr Rabatte für energieintensive Unternehmen bei Umlage und Netzentgelten, die die Verbraucher mitzahlen.
  • Punkt 3: Eine gewisse Flickschusterei. So wurde eine neue Umlage eingeführt, um Schadenersatz für Netzprobleme bei See-Windparks auf die Strompreise abzuwälzen. Auch zwangsweise am Netz gehaltene Kraftwerke schlagen zu Buche. Der Staatsanteil beim Strompreis liegt inzwischen bei über 50 Prozent.

Die privaten Haushalte subventionieren auf diese Weise den Strom für neureiche Golfer, sämtliche Großverbraucher, den Netzausbau und selbst die Vergütung für Strom, der mangels Kapazität gar nicht erst ins Netz eingespeist werden kann.

Nach den Regelungen des EEG genießen Erneuerbare Energien Vorrang bei der Einspeisung ins Stromnetz. Dadurch verschiebt sich die Nachfragekurve: Erneuerbare Energien reduzieren die Nachfrage nach konventionellem Strom mit höheren Grenzkosten. Die Börsenstrompreise sind dadurch jetzt erstmals unter 4 cent/kWh gefallen – davon profitiert die energieintensive Industrie dann gleich doppelt. Und daran wird sich bis 2019 wenig ändern, dies bestätigen Terminkontrakte, die derzeit mit diesem Leiferzeitpunkt abgeschlossen werden können.

Der niedrige Preis an der Börse ruft nun die Energiekonzerne auf den Plan. RWE-Chef Terium droht wie andere Energie-Bosse damit, massenhaft Kraftwerke abzuschalten. Das ist vor allem Getrommel. Tatsächlich soll aus den unrentablen Meilern eine möglichst teure Ökostrom-Reserve werden. Die Verbraucher haben von den gesunkenen Börsenstrompreisen nichts. Ihre Stromanbieter geben die stark gesunkenen Einkaufspreise kaum an den Endkunden weiter. Im Gegenteil: Sie erhöhen die Strompreise regelmäßig saftig – und begründen dies pauschal mit den gesteigerten Förderkosten für erneuerbare Energien.

Die Drohungen der Energieriesen haben einen politischen Hintergrund. Die Versorger wollen für ihre immer unrentableren Kraftwerke staatliche Kompensationen herauspressen – und erhöhen nun kurz vor der Bundestagswahl den Druck. Die Botschaft lautet: Wenn der Wind nicht weht und die Sonne nicht scheint, ist die Versorgungssicherheit gefährdet. Wenn unrentable Kraftwerke als Back-up für diese Zeiten erhalten werden sollen, dann nur gegen eine entsprechende Aufwandsentschädigung. Tragen muss diese – mal wieder – der Stromverbraucher.

Bislang seien bei der Bundesnetzagentur 15 Stilllegungsanträge eingegangen, berichtet die „SZ“. E.on, der größte Energiekonzern Deutschlands, hat entschieden, bis 2015 elf Kraftwerke in Europa abzuschalten. Die Wirtschaftlichkeit weiterer Anlagen werde derzeit geprüft. Konkurrent RWE äußerte sich ähnlich.

Nach Einschätzung des BDEW zeichneten sich weitere Schwierigkeiten bei der Umsetzung der Energiewende ab. So gebe es derzeit einen „Entsolidarisierungseffekt“ zu beobachten: Immer mehr Bürger und Unternehmen produzierten ihren Strom selbst, und überließen es damit anderen, für die Netzinfrastruktur aufzukommen. EEG-Umlage, Netzausbau, Reservekraftwerke und die Folgen der Eigenversorgung würden die Kosten der Energieversorgung weiter ansteigen lassen.

Hinzu kommt, dass inzwischen die Heuschrecken auch auf dem Strommarkt ein großes Rad drehen. Die Terminbörse Eurex und die Leipziger Energiebörse European Energy Exchange (EEX) wollen künftig beim Stromhandel gemeinsame Sache machen. Der von der EEX vor einigen Jahren kreierte Terminkontrakt auf den Stromindex Phelix (Physical Electricity Index) soll künftig nicht mehr nur am Terminmarkt der Energiebörse (EEX Power Derivatives), sondern auch auf der weltumspannenden Eurex-Plattform handelbar sein.

Die deutsch-schweizerische Derivatebörse, die als umsatzstärkste in der Welt gilt, hat bei 420 Kunden in 24 Ländern weit mehr als 4 000 Handelsterminals aufgestellt.B ereits heute ist die EEX im Strom-Terminhandel führend in der Welt. Nach der Zusammenlegung des Geschäfts mit Frankreichs Powernext haben die Leipziger vor einigen Wochen die EEX Power Derivates gegründet, an der sie 80 Prozent halten. Der Strom-Spothandel wurde von den deutsch-französischen Partnern in dem Gemeinschaftsunternehmen Epex Spot mit Sitz in Paris zusammengeführt.

Damit dürfte auch klar sein, dass die Hampelmänner im Bund längst nicht mehr die „Energiepolitik“ bestimmen, denn an den Börsen haben die Banken, die Investoren, die Energiekonzerne und die Großabnehmer (wie DB) das sagen. Erst kürzlich hat der Bundesverband Erneuerbare Energie (BEE) die Vorschläge von Altmeier und Rösler zur „Strompreisbremse“ rundweg abgelehnt. Im Gegenteil – die Strompreispirale wird sich weiterdrehen: Bereits bei einem Börsenpreis von 4,5 cent fehlten in der aktuellen EEG-Rechnung 1,7 Milliarden Euro, hat der Umweltminister ausrechnen lassen. Sänke der Terminpreis auf 3,5 cent, würde das weitere 3 Milliarden Euro Umlage bedeuten.


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