faircho

Die Mär vom „Fairen“ Handel

Das historisch gewachsene Bild von „ehrbaren Kaufmann“ hat längst Risse bekommen. Ein Unternehmer mit ausgeprägter Verantwortung für das eigene Unternehmen, die Gesellschaft und die Umwelt, das gehört der Vergangenheit an. Nachhaltiger und langfristiger Erfolg, ohne die Interessen der Gesellschaft aus dem Blick zu verlieren, diese Tugenden wurden längst Opfer des Börsenwahns. Quartalsberichte und damit kurzfristige Gewinne ersetzen Anstand, Sitte und Glaubwürdigkeit.

Kein Wunder, denn die Manager, die heutzutage ein Unternehmen führen, haben ein von neoliberalen Grundsätzen geprägtes Studium durchlaufen, angeleitet von Professoren, die in ihren Elfenbein-türmen fern der Realität zwar gut mit Zahlen jonglieren können, aber ihrem Eleven wenig über die humanitären Grundsätze verantwortlichen Handelns vermitteln, wie sie eigentlich in unserem Grundgesetz festgeschrieben sind. In Kurzform: Eigentum verpflichtet.

 Der „Freie“ Markt

Die Neoliberalen reden immer vom freien Markt, und wollen uns weismachen, da regelt sich alles von alleine. Kontrolle und soziale Verantwortung seien überflüssig, ja gefährlich. Das stimmt natürlich wenn man bedenkt, wie die Unternehmen am Markt agieren. Da werden verbotene Preisabsprachen getroffen, wie bei der jüngst aufgeflogenen Kartoffelmafia, die uns die Erdäpfel zum 10fachen Preis angedreht hat, und das jahrelang! Oder der Lebensmittelhersteller Nestlé, der in Deutschland 20 Mio. €uro Bußgelder wegen illegaler Preisabsprachen bei Süßwaren, Heißgetränken, Tiefkühlpizzen und Instant Cappuccino zahlen muss – ermittelt wird auch gegen elf weitere Schokoladenhersteller. In Kanada wurden gegen Mars und Nestlé Strafanträge gestellt.

Der Markt an sich kann nur funktionieren, wenn ein fairer Wettbewerb stattfindet. Aber viele Unternehmen versuchen, den Markt mit Kartellen und Monopolen auszuhebeln. Bekannte Beispiele: die Ölmultis, die Energieriesen und die Telekom. Die Opfer solch fragwürdigen, in großen Teilen kriminellen Verhaltens sind immer die schwächsten Marktteilnehmer, die Kunden, also wir alle. Kartellamt, Verbraucherschützer und Bundesnetzagentur haben alle Hände voll zu tun. Es ist wie beim Märchen vom Hasen und dem Igel: egal, was sie unternehmen, die Konzerne sind immer schon da, unterstützt von einem mutierten Rechtssystem.

 Geheime Schiedsgerichte

Die neueste Masche: es werden Verträge mit Staaten geschlossen, die zur Streitschlichtung ordentliche Gerichte völlig ausschließen. Hinter verschlossenen Türen finden Verfahren unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, deren „Entscheidung“ endgültig ist. Damit lassen sich sogar demokratische Entscheidungen aushebeln, wie kürzlich in Hamburg, als Vattenfall mit Schadenersatz drohte, falls das neue Kohlekraftwerk nicht ohne Auflagen (die vom Senat beschlossen wurden), ans Netz gehen darf. Es durfte, denn sonst hätten Schadenersatzforderungen in Höhe von 1,2 Mrd. €uro gedroht, beschlossen und durchgesetzt von einem geheimen Schiedsgericht in Paris.

Die Reihe der Klagen, mit denen demokratische Prozesse ausgehebelt werden sollen, lässt sich fortsetzten: Tabakindustrie gegen Nichtrauchergesetze, Ölmultis gegen Frackingverbote, Energieriesen gegen den Atomausstieg … mit Milliardenfor-derungen wird uns klargemacht: Wenn ihr das so wollt, müsst ihr uns viel Geld zahlen – oder klein beigeben. Ein Ende ist nicht in Sicht, es wird munter weiter geklagt. Demokratie war gestern.

 Lobbyismus

Die Lobbyisten sitzem heute bereits in den Ministerien und dürfen sich ihre Gesetze, mal vorsichtig formuliert, „mitgestalten“. Man nennt das dann „Fremdes Fachwissen einkaufen“, und das ist richtig, denn umsonst arbeiten die da nicht! Es macht aber deutlich, wie es um die Qualifikation der beamteten Ministerialen bestellt ist. Kein Wunder, dass da seit Jahren nur Mist herauskommt und konzernfreundliche Vorlagen massenweise ans Kabinett weitergeleitet werden. Das darf dann noch freundlich abnicken, sofern die Öffentlichkeit nur ruhig gehalten werden kann. Und damit sich daran so schnell nichts ändern, wird falsch, verspätet oder gar nicht informiert, weil die Herren ja schließlich besser wissen, was für sie gut ist.

Bereits am 7. April diskutierte der Bundestag über Anträge der Grünen und der Linkspartei für ein verpflichtendes Lobbyregister sowie über einen Antrag der SPD zur Mitarbeit von Externen in den Bundesministerien. Leider stoßen die Vorschläge bei den Regierungsfraktionen weiterhin auf Widerstand. Sie werden als “Populismus pur”, “bürokratisches Monster” (Bernhard Kaster, CDU/CSU) oder “nicht praktikabel” (Stefan Ruppert, FDP) bezeichnet. Die vorgebrachten Argumente sind jedoch mehr als fadenscheinig: Das Lobbyregister sollte Transparenz schaffen, es macht sichtbar, wer mit wieviel Geld und in wessen Auftrag Einfluss zu nehmen sucht. Daraus kann dann – mit kritischer Beobachtung und öffentlicher Kommentierung – durchaus erwachsen, dass auftretende Unstimmigkeiten in den Angaben erleichtern, Korruption aufzudecken. Die Bundestagsdebatte endete mit einem Verweis der Anträge in die Ausschüsse. Wann sie dort weiter bearbeitet werden, ist unklar.

 Fair Trade

Zum Saubermann-Image der Branche gehört es natürlich, heutzutage auch Bio, regionale und angeblich fair gehandelte Produkte, nach eigenen Angaben nachhaltig und ohne Kinderarbeit hergestellt, im Angebot zu haben. Hehre Grundsätze, von denen in der Realität allerdings meist wenig übrig bleibt. wenn man genauer hinsieht. Das Gewissen des Verbrauchers soll damit ruhiggestellt und der Konsum angeheizt werden.

Die meisten „Siegel“ und freiwilligen Verpflichtungen sind das Papier nicht wert, auf dem sie gedruckt sind. Noch immer wird die Natur, die Umwelt, werden die Menschen schamlos ausgebeutet. Geiz ist eben nicht geil, sondern ein ganz dummer Assi-Spruch von einem minderbemittelten Werbetexter. Da drängen sich mir immer die Bilder von der eingestürzten Fabik in Bangladesh auf und die spindeldürren, unterernährten Arbeiterinnen. Man könnte heulen ob so viel Blödheit.

Manchmal gibt es jedoch auch Gutes zu berichten. Eine niederlän-dische Firma bringt für 325 €uro ein Fair-Trade-Handy auf den Markt, das mit fairen Lieferketten und konfliktfreien Rohstoffen produziert wird. Nachdem bereits 5.000 Kunden vorbestellt haben, geht es nun in Produktion. Technisch soll das Handy auf dem neuesten Stand sein. Es läuft mit dem offenen Betriebssystem Android, hat 16 Gigabyte Speicher und eine Kamera. Es soll lange haltbar sein – und gut wiederzuverwerten. Der Akku ist herausnehmbar und ersetzbar. Ziel sei es, das Telefon eines Tages komplett aus Recycling-Material zu bauen.

 Lifestyle und Markenwahn

Viele bunte Siegel auf der Verpackung, Marken, von denen nur der Name geblieben ist und hanebüchene Werbeversprechen – Hauptsache, man glaubt’s. Und wir glauben es nur allzu leicht, sobald man es uns nur oft genug subtil suggeriert und uns damit den Verstand vernebelt. Dass es funktioniert, haben viele ernstzunehmende Untersuchungen immer wieder bewiesen. Unser Kaufverhalten wird manipuliert, das muss man sich immer wieder ins Gedächtnis rufen. Immun ist niemand dagegen, man denke nur an die vielen Markenjunkies und Lifestyle-Idioten, die beispielsweise für ihre bunten Kaffepads und -kapseln bis zu 80 €uro für ein Kilo Kaffee ausgeben.

Vor allem Jugendliche verfallen zusehends dem Markenwahn. Deshalb sind viele Schulen dazu übergegangen, eine allgemein verwendete Schulkleidung nach dem Vorbild englischer Schulen einzuführen. Man erhofft sich davon einen erzieherischen Aspekt und verhindert so die Ausgrenzung armer Kinder über die Kleidung. Man kann nur hoffen, dass es etwas bringt, leider sagen uns die vielen Lifestyle-Communities im Internet etwas anderes.

 Verbrauchertäuschung

Damit sind wir bei der Branche liebsten Kind, dem Etikettenschwindel. Merke: Auf dem Etikett steht niemals des wahre Preis, und, was sonst noch draufsteht, ist meist nicht drin (oder: was drin ist, steht nicht drauf). Oder es ist plötzlich weniger drin (merkt ja keiner) bei gleichem Preis. Hühnersuppe ohne Huhn, Erdbeer-Joghut (fast) ohne Erdbeeren, umbenannte Geschmacksverstärker (Hefeextrakt), Chemie, gesundheits-gefährdende Stoffe und billige Aromen – es gibt nichts, was es nicht gibt! Gammel- und Pferdefleisch in Lasagne und Dönerfleisch, ein Skandal jagt den anderen und Ilse Aigner kündigt an, dass natürlich unverzüglich … aber egal was sie ankündigt, die Bauern-Ilse, es passiert sowieso nichts. Und für die Unternehmer gilt: Hauptsache, der Gewinn stimmt. Und die nächsten Quartalszahlen. Egal wie.

Foodwatch hat dazu im Internet eine Mitmach-Aktion gestartet: Ein offener Brief an Brabbel-Ilse mit einem 15-Punkte-Plan gegen legale Verbrauchertäuschung, mit der Aufforderung, endlich zu handeln. Es geht darum, endlich Rahmenbedingungen zu schaffen, irreführende Informationen aus den Packungstexten zu verbannen und um die Einführung einer „Ampel“. Momentan haben 31.434 unterschrieben, die noch an eine Umkehr der Bauernschützerin Ilse Aigner glauben. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

von Peter Wassmann

3 Gedanken zu „Die Mär vom „Fairen“ Handel“

  1. Ich denke wir leben in einem gesellschaftlichen System, das bewusst auf Verdummung und Abstumpfung setzt. Die Grundrechte der Bürger weichen den Interessen einer immer reicher werden Clique mit skrupellosen Ansichten. Politiker sind lediglich Handlanger von Interessengemeinschaften. Natur- und Umweltschutz wird weitestgehend ausgeblendet und systemrelevante Industriezweige werden privatisiert.
    Lässt sich dieser Trend stoppen, ich denke nein! Die Maßnahmen, die dazu notwendig sind, wären zu radikal und würden von den dummen Schafen abgelehnt. Wahrscheinlich wird erst eine komplett zerstörte Umwelt bei den Menschen ein Prozess des Umdenkens auslösen!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *