flut

Betrachtungen über die „Jahrhundert“-Flut

Die dritte Jahrhundertflut im neuen Jahrtausend sollte uns nachdenklich werden lassen. Selbst wenn die Abstände zwischen den Flutkatastrophen nicht wesentlich schrumpfen, muss man wohl eher von einer 5-Jahres-Flut sprechen. Es bleibt also nicht viel Zeit, um den Hochwasserschutz entlang der zugebauten Flusstäler voranzutreiben, so viel scheint sicher. Funktionieren wird das nur, wenn alle an einem Strang ziehen.

 Hochwasserschutz vs. Bürgerinitiativen

Komischerweise wird gerade dort, wo es besonders notwendig ist, der Ausbau der Dämme und Schutzmauern blockiert. So ist es kein Wunder, dass dieselben Gebiete auch diesmal wieder besonders schlimm getroffen wurden, weil Deichbau, Rückhaltebecken und Rückverlegungen von Deichen von denselben Bürgern verhindert wurden, die jetzt am lautesten und Hilfe schreien, weil sie zum wiederholten Mal abgesoffen sind.

So hat eine Bürgerinitiative im Lkr. Donauwörth versucht, die Ausweisung von Überschwemmungsgebieten und die Rückverlegung von Deichen zu verhindern. In Wilkau-Haßlau im Erzbgebirge haben sie gegen die Flutschutzmauer geklagt. Resultat: der noch nicht gesicherte Stadtteil ist gnadenlos untergegangen. Im April diesen Jahres waren sich die knapp tausend Demonstranten einig: „Wir wollen hier keinen gewaltigen Damm haben!“.

Grimma wäre wahrscheinlich komplett verschont geblieben, wäre nur die Hochwasserschutzmauer fertig gewesen, denn eigentlich sollte das 40-Millionen-Euro-Projekt bereits 2012 realisiert sein. Die Verzögerung geht zu einem Gutteil auf das Konto einer Bürgerinitiative. Mauergegner und Mauerfreunde einigten sich erst nach langem Hin und Her auf einen Kompromiss: Die Mauer wird gebaut, aber sie soll aussehen wie die historische Stadtmauer. Für das aktuelle Hochwasser hat der Kompromiss noch nichts genutzt – er kam zu spät.

Allein Bayern hat 2,3 Mrd. Euro für sein „Aktionsprogramm 2020“ bereitgestellt und lässt damit Flussläufe renaturieren, um die Fließgeschwindigkeit der Gewässer zu reduzieren, Deiche zurückverlegen und Uferflächen aufkaufen, um Raum zu gewinnen, sowie Schutzmauern bauen. Doch dagegen regt sich immer wieder Protest.

Auch Sachsen hat nach der Flut 2002 ein Schutzkonzept entwickelt und stellt dafür bis 2020 eine Milliarde Euro bereit. Von den 351 Vorhaben, die bis dahin verwirklicht werden sollen, sind bisher jedoch erst 80 abgeschlossen und 55 weitere im Bau. Proteste und Klagen verschiedener Initiativen verhindern eine raschere Umsetzung, weil Planungs- und Genehmigungsverfahren blockiert werden.

 Katastrophenbewältigung

Natürlich waren sie wieder unterwegs, die Spitzen der deutschen Politik, im Hochwassertourismus. Mit betroffenen Gesichtern, Mitgefühl heuchelnd und Helfern die Hände schüttelnd und „Mut zusprechend“. Natürlich mit Kamera, Medienbegleitung und Interview. Beim Merkel-Treffen mit einem Bürgermeister wurde besonders deutlich, was sie davon hielt: gelangweilt auf den Boden starrend hat sie deutlich gemacht, was sie von seinen Ausführungen hielt; jedenfalls nicht viel, falls sie überhaupt was davon mitbekommen hat. Wie ein bockiges Kind hat sie sich da aufgeführt, das einmal nicht im Mittelpunkt stehen darf.

Jetzt wurden also 8 Mrd. Euro zusammengekratzt als Hilfe für die Flutopfer, alles in allem wird das jedoch nicht ausreichen. Aber Gott-sei-dank wird wir ja immer bereit, in solchen Fällen reichlich zu spenden, egal, wo auf der Welt Menschen Hilfe benötigen. Auf Geld von der EU brauchen wir nicht zu hoffen, die hat schon mal vorsorglich abgewunken. Natürlich sind die üblichen Verdächtigen bereits dabei, die günstige Gelegenheit zu nutzen, um die Steuern „zur Finanzierung“ der Hilfen anzuheben. Ministerpräsident Hasselhoff (CDU) und die ganze FDP-Fraktion im Sächsischen Landtag wollen den Soli um 1-1,5% anheben. NRW-Finanzminister Norbert Walter-Borjans (SPD)„fordert“ eine Anhebung der Körperschaftssteuer um 2%, weil das bereits beim Hochwasser 2002 so gut funktioniert habe.

 Keiler, Betrüger, Geschäftemacher und dunkle Gestalten

Mit der Flut kommen die Ratten, unausweichlich, wie ein Naturgesetz. So klagte ein Flutopfer im Interview über Gestalten in Transportern mit rumänischen Kennzeichen, die sich einfach an den am Straßenrand abgestellten Sachen bedienten, ohne irgendjemanden zu fragen. Ohne Zweifel werden, eher früher als später, sogenannte „Handwerker“ auftauchen, die für ihren Pfusch unverschämt viel Geld verlangen und hinterher unauffindbar sind. 2002 in Österreich hat man für die windigen Geschäftemacher, die wie die Heuschrecken ausschwärmen, in sich die Not der Menschen zu Nutze zu machen, den Begriff „Keiler“ geprägt. Egal welche „Leistungen“ angeboten werden, machen Sie deutlich: „Abgang, aber hurtig!“

Die Notlage der Betroffenen lässt sich aber auch von windigen Geschäftemachern leicht ausnutzen. So wurde nach „Sandy“ an der US Küste 2012 beispielsweise der Sprit knapp. Einige witterten die Chance auf ein paar Extra-Dollar und boten Benzin zu Wucherpreisen an. Es hat Tage gedauert, bis die Engpässe beseitigt waren. Auf dem Kleinanzeigenportal Craiglist verkauften Anbieter Benzin teilweise zu vollkommen überhöhten Preisen. Statt vier Dollar kostet eine Gallone schon mal 20 Dollar, was mehr als fünf Dollar pro Liter entspricht.

Aber auch hierzulande wird Schindluder getrieben. So erhöhte ein Baumarkt von heute auf morgen den Preis für Sandsäcke von 0,25 auf 1,15 Euro, viele Kommunen traktierten Opfer und Helfer, die ihr Auto in Sicherheit gebracht hatten, mit Strafzetteln. Hallo Leute, geht’s noch? Da arbeiten ehrenamtlich Helfer, unentgeltlich, bis zur Erschöpfung und unter Lebensgefahr, um eure verschissene Gemeinde zu schützen, und ihr habt nichts besseres zu tun, als sie abzukassieren?

Die Spitze aber war für mich eine Kommune in Bayern. Da wurde ein neu gebauter Polder gerade einmal zu 15% geflutet, denn man hätte die Bauern in diesem Bereich zu 100% entschädigen müssen. Also ließ man die Brühe auf andere Felder fließen und bot den Bauern anschließend 50% an. Ausrede: „wir mussten Platz lassen, falls das Wasser weiter gestiegen wäre“. Man kann das glauben oder nicht, auf jeden Fall war’s ein Riesengeschäft.

 Trittbrettfahrer

Nicht alle, die bei jeder Flut unvermeidlich auftauchen, hegen hehre Motive. Schon 2002 nutzte die rechte Szene die Flutkatastrophe, um als „Retter in der Not“ zu erscheinen. In diesem Jahre verwendet die NPD verstärkt das Internet, um ihre vermeintlich selbstlose Hilfe öffentlich zu inszenieren. Bei Facebook stellte der JN-Bundesvorsitzende Andy Knape ein Bild online, auf dem ihm der Magdeburger Oberbürgermeister Lutz Trümper (SPD) mit Handschlag für die Unterstützung dankt.

Salafisten als Flut-Helfer: Dass diese Hilfe nicht ehrlich gemeint war, davon kann ausgegangen werden: eine Überschrift wie “Hilfe für von Flut bedrohte Kleinstadt – von den extrem-radikal freundlichen Muslimen der LIES! Koran Aktion” zeigt deutlich, dass hier die Flut und die Not der Betroffenen nur zu billiger Propaganda missbraucht wurde.

Ein Wort noch zu den ganzen Benefiz-Spenden-Gala-Veranstaltungen in den Medien und in jeder verfügbaren Halle, die nicht rechtzeitig abgesperrt wurde. Ich habe keine Lust, die Selbstdarstellung von abgehalfterten Künstlern oder reichen Tussies zu unterstützen, die auf ihren Charity-Parties protzen und sich die Hälse vollstopfen. Wobei man sich da nie sicher sein kann, was von den Spenden wirklich bei den Bedürftigen ankommt, wie die Vergangenheit oft genug gezeigt hat. Ich gehe auch nur zu Benefiz-Veranstaltungen von Künstlern, zu denen ich auch sonst gehen würde. Alle anderen sollen sich gefälligst von ihrem Label promoten lassen – das kann ja mal spenden, wie wär’s?

 Fazit

Auch diese Katastrophe hat gezeigt, dass die Bürger sehr wohl wissen, was Solidarität bedeutet. Die spontane Hilfsbereitschaft, auch und im Besonderen von vielen, vielen jungen Leuten, kann einem den Glauben an die Gesellschaft wahrlich wiedergeben. THW, Feuerwehr und anderen Hilfsorganisationen sei gedankt für den selbstlosen Einsatz. Das muss man einfach vorbehaltlos anerkennen. Danke! Danke! Danke!

Sie hat aber auch deutlich gemacht, dass einiges im Argen liegt. Von den üblichen Bedenkenträgern und Quertreibern mal abgesehen, es müssen jetzt baldmöglichst geeignete Schritte eingeleitet werden, damit etwas vorwärtsgeht, Verfahren müssen beschleunigt und Bürokratie muss endlich abgebaut werden. Es geht einfach nicht, dass Hunderte Maßnahmen in der Planung und in Genehmigungsverfahren stecken bleiben. Das nächste „Jahrhundert-Hochwasser“ kommt bestimmt. Demnächst.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *