water

Nestlé und das Menschenrecht auf Wasser

Der Weg zum Weltmarktführer:

1969 beteiligt sich Nestle an der Société Générale des Eaux Minérales de Vittel. Das ist Nestlés Einstieg in die Flaschenwasserindustrie.

1989 Nestlé will jetzt die Nummer 1 werden und übernimmt 1992 Perrier, den Marktführer in den USA, damit gehen zahlreiche regionale Brands automatisch an Nestlé über, darunter Poland Spring.

1997 Nestlé schluckt die italienische Nobelmarke San Pellegrino.

Vittel, Perrier und San Pellegrino sind Mineralwasser aus jeweils einer einzigen, örtlich genau definierten Quelle. Poland Spring und andere regionale US-Marken bezeichnet Nestlé als natürliche Quellwasser (natural spring water). Das Wasser kommt aber aus verschiedenen „Quellen“, die oft weit auseinander liegen.

1997 entwickelt Nestle ein neues Produkt, das aus gereinigtem Grundwasser hergestellt und mit einem neuen speziellen Mineraliensatz angereichert wird. Der Vorteil: das Wasser kann auf der ganzen Welt hergestellt werden und schmeckt erst noch überall gleich. Das Wasser erhält den Namen Nestlé Pure Life.

Marktziel und Testmarkt sind Konsumenten in den Schwellen- und Entwicklungsländern. Staaten also, in denen die demokratische Kontrolle nur ungenügend funktioniert und in denen es leicht ist, von korrupten Politikern Wasserrechte zu erhalten. In Pakistan will es Nestlé wissen und kauft saubere Quellen in einem Gebiet um Lahore, in dem Wasser knapp ist. Die arme Bevölkerung muss aber Wasser aus verseuchten Brunnen trinken. Wasser, das man den Kindern nicht gibt, weil sie davon krank werden. Selbst die Erwachsenen bekommen davon häufig Durchfall und Fieber.

Die Quelle ist nur wenige Meter entfernt, aber daraus pumpt nur Nestlé Wasser, das Gelände ist mit Stacheldraht umzäunt und streng bewacht. Der Grundwasserspiegel sinkt schon soweit ab, dass die von den Einwohnern gegrabenen Brunnen kein Wasser mehr führen. Das Quellwasser, in Flaschen abgefüllt und teuer verkauft, können sich aber nur die Wohlhabenden leisten. Der Rat von Nestlé an die anderen: „Ihr müsst das Wasser (aus den dreckigen Brunnen) abkochen, dann geht das schon!“


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Pure Life und die anderen Wässerchen von Nestlé zielen auf die kaufkräftige Kundschaft. Die, denen das Wasser eigentlich gehört, haben davon nichts. Sie müssen zusehen, wie ihr Wasser von Tanklastern weggefahren und in riesigen Abfüllanlagen auf Flaschen gezogen und weltweit vermarktet wird. Besonders menschenverachtend wird das, wenn es um Gebiete geht, in denen sowieso schon Wasser knapp ist, wie in Pakistan besipielsweise, wo ganze Landstriche austrocknen.

In den USA pumpt Nestlé sein Poland Spring aus Quellen in mehreren Bundesstaaten und Naturschutzgebieten, in denen besonders reines Wasser fließt. Inzwischen haben mehrere Gemeinden im Bundesstaat Maine Nestlé die Erlaubnis verweigert, aus den lokalen Quellen ihr Wasser abzuzapfen. Oftmals gegen erbitterten Widerstand des eigenen Gemeinderates, den wohl nur finanzielle Aspekte diese „Geschäfts“ interessierten. Wie auch immer das aussah. Nur unter Hinweis auf einen Zusatz zum Grundgesetz der USA auf das „Selbstbestimmungsrecht der Kommunen“ konnten die Klagen des Konzerns von den Bürgern abgewendet werden.

Am Lake Michigan baute Nestlé für $100 Mio eine Abfüllanlage, nachdem ihnen in Wiscounsin eine harsche Abfuhr zuteil wurde. Täglich werden dort 3 Mio Liter Wasser in PET-Flaschen abgefüllt; das kostete die Firma eine Lizenzgebühr von einmalig lächerlichen $75. Seit Jahren versuchen die Bürger dort die Schließung der Anlage durchzusetzen. Das ist äußerst schwierig, weil der Konzern vielen Landbesitzern die damit verbundenen Wasserrechte samt des Grundstücks abgekauft haben. Anscheinend war das für sie lukrativer als die Farm weiter zu betreiben.

In wasserreichen Gegenden funktioniert das Modell Nestlé noch, weil man sich da wenig Gedanken darüber macht, wie kostbar Wasser eigentlich ist. Mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung hat jedoch keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser, jährlich sterben deswegen 1.500.000 Menschen! Auch in den USA sind schon weite Landstriche durch Übernutzung des Bodens verödet und verlassen, eine folge der „modernen“ Intensiv-Landwirtschaft mit riesigen Monokulturen und entsprechendem extensiven Dünger- und Pestizideinsatz. Dazu kommt, dass ein Amerikaner täglich 300 Liter Wasser verbraucht, der Europäer 200 Liter, während ein Afrikaner gerade mal 19 Liter zur Verfügung hat.

Gerade die Gebiete, in denen Wassermangel herrscht, sind aber für Nestlé besonders attraktiv, zumindest die obere Schicht der Bevölkerung, die in der Lage ist, viel Geld für sauberes Wasser auszugeben, das eigentlich ihnen gehört. Dazu kommen weltweit die Lifestyle-Idioten in den Industrieländern, die schon mal 10 € und mehr für eine Flasche Wasser hinlegen, die um nichts besser ist, als das Wasser, das bei uns aus der Leitung kommt. Sofern wir daür sorgen, dass industrielle Abwässer, extensive Landwirtschaft und Fracking unser Wasser nicht verseuchen.

Nicht umsonst hat die internationale Völkergemeinschaft der Zugang zu sauberem Wasser zum Menschenrecht erklärt. Es darf nicht zur Ware verkommen, mit dem skrupellose Geschäftemacher Milliarden verdienen, gedeckt und unterstützt von korrupten Politikern aller Schattierungen. Es muss klar werden, dass das Wasser der Allgemeinheit gehört und nicht nur wenigen Industriebaronen und Konzernherren, die nur ihren Profit im Auge haben.

Die UNO-Resolution in kurzen Worten:

Um das Menschenrecht auf Wasser umzusetzen, müssen sowohl die verantwortlichen Staaten als auch nichtstaatliche Akteure bestimmte Grundsätze beachten.

  • Staaten sollen das Menschenrecht auf Wasser erfüllen, achten und schützen.
  • Staaten sollen das Menschenrecht auf Wasser in anderen Ländern achten und die Pflichterfüllung derer nicht beeinflussen.
  • Mit internationalen Kooperationen sollen andere Länder bei der Umsetzung des Menschenrechts auf Wasser unterstützt werden.
  • Ebenso sollen nichtstaatliche Unternehmen, Privatpersonen und internationale Organisationen das Menschenrecht auf Wasser achten und dazu beitragen, es im Rahmen ihrer Möglichkeiten umzusetzen.

Ein Staat verletzt das Menschenrecht auf Wasser, wenn er die zur Verfügung stehenden Ressourcen nicht einsetzt, um eine Wasser-Grundversorgung und sanitäre Einrichtungen zu gewährleisten. Die Wasserinfrastruktursysteme müssen ein nachhaltiges und faires Tarifsystem bieten. Ein Staat darf jedoch keine Bemühungen von Individuen, Gruppen, Unternehmen oder anderen nichtstaatlicher Akteure verbieten.

Bezeichnenderweise haben Kanada und die USA sich bei der Abstimmung enthalten, Deutschland hätte sich eine klarere Formulierung der Verantwortung gewünscht. Auch ich halte den letzten Teil der Resolution für verbesserungswürdig, weil zu schwammig formuliert. Da hat sich die Lobbyarbeit mal wieder bestens bewährt.

Aber auch wir selbst müssen mit unserem Wasser bewusster umgehen. Als Beispiel für unsere wasserverschlingenden Großstädte sei hier München angeführt, das bereits halb Oberbayern leerpumpt, um den immer noch steigenden Bedarf seiner Bewohner zu decken. Die direkte Folge ist ein stetig sinkender Grundwasserspiegel in ganzen Landstrichen, was dazu führt, dass auch die Konzentration von Schadstoffen und die Belastung mit Keimen steigt. Wenn wir so weitermachen, werden wir unser Wasser demnächst auch – in PET-Flaschen abgefüllt – von den Konzernen kaufen müssen, die die wenigen noch sauberen Quellen besitzen.

Hinweis: Die Firma Nestlé steht in keinem Zusammenhang mit diesem Artikel und die Namensnennung geschieht lediglich zu Informationszwecken.

von Peter Wasmann

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