Ignoranz ist kein Bürgerrecht

Ich war heute auf einem Vortrag eines Rentenexperten mit den berühmten Rentenmodellen inklusive Übergangsregelungen, Abschlägen und Abstufungen bei den Rentenzahlungen. Nichts, was man sich merken müsste, dazu ist es einfach zu verkomplizert (gewollt!). Der Herr Sowieso (Name vergessen) kam zu dem Punkt mit den Übergangsregelungen, da konnte dann jeder, der bis 31.13.1951 geboren war, ziemliche Vorteile genießen, die ab dem 1.1.1952 geborenen gucken in die Röhre. Nada.

Es ist jetzt nicht so wichtig, worum es im Einzelnen ging, nur die Äußerungen des Vortragenden waren einigermaßen aufschlussreich: „In Frankreich wären sie bei so etwas schon längst auf die Straße gegangen … aber bei uns … anscheinend interessiert es niemanden … es geht uns wohl noch zu gut … „ usw. usf.

Also: ein Mitarbeiter der Rentenkasse, der offensichtlich einiges davon versteht, kommt zu der Ansicht, dass das alles zumindest absolut ungerecht sei. Wenn man bedenkt, was so alles seit „Birne“, „Genosse der Bosse“ und „Mutti“ verbrochen und uns zugemutet wurde, fällt mir zwangsläufig der Bergriff Ignoranz ein. Ignoranz (Unwissenheit, Beschränktheit) zeichnet sich dadurch aus, dass eine Person etwas – möglicherweise absichtlich – nicht kennt, nicht wissen will oder nicht beachtet.

Nach dieser Definition gibt es nun Individuen, die zu beschränkt sind, um die Lage zu begreifen. Das ist verzeihlich, denn dort, wo die Schädeldecke ein Vakuum überspannt, kann man ja auch nicht viel erwarten außer heißer Luft. Das erklärt zumindest zum Teil, warum die Straßen bei uns immer noch leer bleiben, aber im Internet und an den Stammtischen wird dann der Ärger um so lauter abgelassen. Aber durch hitziges „Politisieren“ allein ändert sich leider nichts. Das amüsiert die Politiker höchstens, gerne überlassen sie uns die Stammtischhoheit. Die wollen ja nur spielen.

Auf der Seite der Politiker, soviel ist sicher, gibt es jede Menge Ignoranten. Dort allerdings ist das nicht mehr tolerierbar, falls wir davon ausgehen, dass unsere gewählten, von uns angestellten Volksvertreter die Probleme, die uns so im Magen liegen, auch erkennen und einer Lösung zumindest näher bringen sollen. Nehmen wir zu deren Gunsten mal an, dass sie dazu zu blöd sind, die „milde“, weil unverschuldete Form der Ignoranz.

Sieht man sich die Vita vieler unserer Polit“profis“ an, wundert einen nichts mehr. Vom Honk über Studienabbrecher bis hin zum „faulen“ Beamten ist so ziemlich alles dabei. Qualifikation in den allermeisten Fällen Fehlanzeige, siehe unsere frühere/derzeitige/zukünftige? Ministerriege. Gruselig, oder? Willkommen im Dilettantenstadl.

Schlimmer wird es, wenn die zweite Form der Ignoranz, die „gewollte“, absichtliche Unwissenheit, angenommen werden kann. Wir alle kennen die Gedächtnislücken, die in Untersuchungsausschüssen von den Tätern dreist vorgeschoben werden. Oder die Bundestagsreden, in denen die Tatsachen so lange zurechtgebogen werden, dass man schon von dreisten Lügen sprechen kann. Am heutigen Tage ist das richtig und notwendig und morgen das genaue Gegenteil davon. Motto: „Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern!“. Der Bundestag als Quasselbude, bevölkert von Ignoranten der einen oder anderen Sorte. Viele also einfach zu blöd, unqualifiziert oder freche Lügner. Ignoranten eben.

Die schlimmste Form der Ignoranz ist die Nichtbeachtung. Das sind die Leute, die es eigentlich besser wissen müssten, aber die Konsequenz daraus meiden wie der Teufel das Weihwasser. Die also aus reiner Geld- oder Machtgier handeln oder Lobbyinteressen durchsetzen wollen wider besseres Wissen. Dabei wissen Subjekte dieser Art ganz genau, dass solch‘ Verhalten äußerst schwierig nachweisbar ist und in vielen Fällen sogar strafbar. Deshalb weigert man sich ja auch stur seit neun Jahren, die UN-Konvention gegen Korruption zu unterzeichnen. Sicher ist sicher – und keinen interessiert’s. Außerdem: bei UNS gibt’s sowas nicht, Basta!

Laut Gesetzt darf man dann wenigstens alle paar Jahre die ganze Bande abwählen. Aber durch ein Kreuzchen auf einem Wahlzettel allein wird leider nichts besser. Höchstens ein bisschen anders, denn Unterschiede zwischen der Bewerbern sind mit freiem Auge kaum erkennbar. Jeder klaut von jedem, alle sind Sklaven der Statistiken (die allesamt gefälscht sind) und „beweisen“ sollen, daß sämtliche beschlossene Maßnahmen „alternativlos“ seien. Das Lieblingswort unserer „Mutti“ Merkel. Mutti wird’s schon richten; die Ignoranz ist eben weit vertreitet, links wie rechts und bei den Besitzstandwahrern sowieso.

Und es ist so bequem, man denkt: „Laß das mal die andern machen… “ und legt die Füße hoch. Der Ignorant sitzt lieber vor der Glotze und schimpft am Stammtisch, das Hirn schon leicht vom Alkohol benebelt. Man kann sich das beschissene Leben auch schönsaufen, aber eben nur kurzzeitig. Legen wir alle also endlich unsere eigene Ignoranz ab und tun was. Es müssen ja nicht gleich Autos in Flammen aufgehen, aber es wäre doch hilfreich, wenn denen „da Oben“ mal so richtig der Arsch auf Grundeis geht und die Ohren klingeln:“Wir sind das Volk!“ Klingt gut – von so ab 500.000 zu Recht aufgebrachten Demonstranten. Es ist schließlich unser verbrieftes Recht!
von Peter Wassmann

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