Behaltet die Zeitdiebe im Auge

uhr

In der menschlichen Geschichte wurde der Begriff der Zeit mehrfach umgedeutet und späterhin verfälscht, mißbraucht, mit Beginn der Industrialisierung wurde er sogar pervertiert. Ursprünglich beschrieb der Zeitbegriff wahrgenommene Veränderungen oder die Abfolge von Ereignissen, man lebte „in der Zeit“ und „mit der Zeit“. Soweit die Philosophie.

Die Menschen lebten mit dem Wetter, dem Tagesablauf und den Jahreszeiten. Jeder konnte sich also seine Zeit selbst einteilen, wie es Sinn machte. Man stand auf, wenn es hell wurde, arbeitete tagsüber und ging abends zu Bett. Frühjahr, Sommer, Herbst und Winter bestimmten den Ablauf der bäuerlichen Arbeiten, wann es „Zeit“ war zu säen, zu ernten, das Vieh auf die Weide zu treiben, Holz zu fällen und im übrigen waren die Menschen selbst Herr über ihre Zeit. So ergaben sich auch Zeiten für Beschäftigung und Muße nach getaner Arbeit, dabei „maß“ niemand die Zeit nach Stunden, Minuten oder gar Sekunden. Man hatte eben noch Zeit! Die Uhr war damals der Kalender, der maß die Zeit in Tagen, Monaten und sogar Jahren.

Dies änderte sich mit Beginn der Industrialisierung schlagartig. Nun wurden an allen Werkshallen Uhren angebracht, denn die Industriebarone waren jetzt die Herren über die Zeit der Arbeiter. Damit wurde die Zeit zum Kontrollinstrument, wer nicht pünktlich war oder in der „Arbeitszeit“ zu wenig leistete oder gar krank wurde, verlor seine Existenzgrundlage und stürzte nicht selten in Not, Hunger und Elend. „Freie“ Zeit war unerwünscht, denn da könnten die Arbeiter sich ja miteinander austauschen und gegen ihre Ausbeuter aufbegehren. Besser war es, wenn der arbeitende Mensch am Abend nach vielen Stunden Schufterei todmüde ins Bett fiel und nur noch schlafen wollte, denn anders war die Mühsal gar nicht zu ertragen. Jetzt handelte man nach der Maxime „Zeit ist Geld“!

Nur durch viele verlustreiche Kämpfe schafften es die versklavten Arbeiter, sich „ihren“ Anteil an der Zeit wieder Stück für Stück zurückzuholen. Abends in die Kneipe – da konnte man wenigstens für ein paar Stunden das Elend im Alkohol ertränken. Auch den Samstag und den Sonntag entriss man gemeinschaftlich den Klauen der – man muss sie so nennen – Ausbeuter. Man nannte es Wochenende, Freizeit, wie auch immer, zwei ganze Tage ohne Arbeit, Zeit für die Familie!

Jetzt aber kehrte sich das gegen die arbeitende Bevölkerung, denn es musste nun in der gleichen Zeit immer mehr geleistet werden, plötzlich tauchten Leute mit Stoppuhren auf und maßen die Zeit in Sekunden für jeden auszuführenden Handgriff, um die Produktivität zu erhöhen. Ein anderes Wort für Gewinnmaximierung. Streß, Belastung, Überlastung bis an die Grenzen des menschlichen Leistungsvermögens. Als da nichts mehr ging, setzte man Maschinen, Computer und Roboter ein, die schafften noch mehr in noch weniger Zeit. Höher, Schneller, Weiter…

Neben der Arbeitszeit wollten die Unternehmen natürlich auch unsere Freizeit gewinnbringend nutzen, der Konsum war geboren. Konsumieren heißt, wir kaufen Dinge, die andere, schlecht bezahlte Menschen in ihrer Arbeitszeit produziert haben, um unsere Freizeit auszufüllen. Meist sind die so sinnvoll und nutzlos wie ein Kropf. Quasi kaufen wir damit doch nur Arbeitszeit für weitere „Beschäftigte“- wir kaufen nutzlose Dinge, um damit „die Zeit tot zu schlagen“. Je billiger, umso besser, denn Geiz ist Geil!

In der „Modernen Zeit“ setzt man nun die „Zeitarbeit“ und die „Altersteilzeit“ ein, um unsere Arbeitszeit noch gewinnbringender einzusetzen. Wir sollen unsere Zeit noch effektiver nutzen, „Zeitplaner“ einsetzen, damit wir überhaupt noch den Überblick behalten, denn unsere Zeit ist gnadenlos verplant. Man stiehlt uns unsere Zeit, ohne dass wir das merken sollen. Bleibt nicht mehr genug davon übrig, über die wir selbst bestimmen können, dann haben wir eben schlecht geplant. Da sind wir dann selber schuld dran.

Zeit ist ein sehr komplexes Thema und „Zeit ist kostbar“ und unwiederbringlich. Denn es ist unsere Lebenszeit, die vergeht, die wir doch auch unseren Familien und Freunden schenken wollen, um mit ihnen gemeinsam „eine schöne Zeit“ zu verbringen, schließlich sind wir alle von Natur aus soziale Wesen. Wir sollten uns genau überlegen, was wir mit unserer Zeit anfangen, und die im Auge behalten, die unsere Zeit verschwenden, verplanen uns stehlen wollen. Ich nenne sie Zeitdiebe, die „Gesellschaft der grauen Herren“, die uns überreden wollen, unsere Zeit zu sparen. Unsere Zeit ist kurz bemessen, wir müssen lernen, damit bewußt umzugehen. Es ist Zeit für Veränderungen!

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