Der britische Parasit im Fleisch der EU

Cameron hatte in einer Grundsatzrede im April 2013 tiefgreifende Reformen und einen neuen EU-Vertrag verlangt. Außerdem kündigte er an, dass er die Briten bis 2017 in einem Referendum über den Verbleib Großbritanniens in der EU abstimmen lassen wolle. Die Briten hätten gerne eine EU nach ihrer Version, in der man die wirtschaftlichen Vorteile gerne mitnimmt, aber ansonsten außen vor bleibt.

Die Briten, außer vielleicht den Liberaldemokraten, wollen sich nicht ihre Politik aus Brüssel, und das heißt v.a. von Deutschland und Frankreich, vorschreiben lassen. Damit folgen sie einer uralten Linie britischer Politik: Die Entwicklung auf dem Kontinent beobachten, immer gegen die stärkste Macht opponieren, mitmischen, wenn es von Vorteil ist, aber grundsätzlich Distanz

Auch der Präsident des Europäischen Parlaments Martin Schulz sprach von einer gefährlichen Taktik, die Großbritannien mehr schaden als nützen könne. Das Land halte sich aus wesentlichen Integrationsbereichen heraus, habe zugleich aber „große wirtschaftliche Probleme und eine hohe Arbeitslosigkeit“. Schulz warnte davor, Europa zu „zerreden“. „Wir sind noch immer der reichste Kontinent“, sagte er weiter. Im 21. Jahrhundert habe Europa jedoch keine Chance mehr, wenn es sich in seine Einzelteile zerlege.

Nun ist es ja so, daß außer der Finanzindustrie in Großbritannien nicht viel Modernes zu finden ist. Das Land lebt von seinen Banken und Börsen und deren weltweiten Spekulationsgeschäften. Man scheut nicht davor zurück, gegen Lebensmittel, den Euro und gegen verschuldete Staaten zu spekulieren, dafür brauchen angelsächsische Investoren freie Hand – und die bringen der britischen „Wirtschaft“ Milliardengewinne. Wenn man gegen den Euro spekuliert, kann man natürlich den Euro selbst nicht brauchen, und eine Transaktionssteuer für Banken, Fonds und Versicherungen, die in großem Maßstab spekulieren, auch nicht.

Großbritannien ist keine Wirtschaftsmacht. Großbritannien hat eine gewisse weltwirtschaftliche Bedeutung, was den Finanzmarkt angeht, aber das ist nur sehr, sehr bescheiden. Ansonsten läuft Großbritannien auf dem Weltmarkt unter ‘ferner liefen’. Der britische Anteil am Weltmarkt ist etwa halb so groß wie der deutsche. Das könnte man leicht vernachlässigen … Die britische Industrie ist nur noch ein Schrotthaufen. (Zitat Abelshauser, Wirtschaftshistoriker Uni Bielefeld)

Dass die Briten keine Anhänger eines europaweit regulierten Finanzmarkts sind, ist hinlänglich bekannt. Doch nun zeitigt diese Abwehrhaltung eine erste Konsequenz: Die Regierung in London hat beim Europäischen Gerichtshof Klage gegen die geplante Finanztransaktionssteuer eingereicht.

Großbritannien will die Steuer nicht einführen, befürchtet aber, dass der Handel zwischen britischen Firmen und solchen, die ihren Sitz in einem Land mit Finanztransaktions-steuer haben, gefährdet werden könnten. Die britische Regierung müsste in einem solchen Fall die Steuer einziehen, dürfte sie aber nicht behalten. Sie fürchtet Abwanderungen vom Finanzplatz London, einer der zentralen Stützen der britischen Wirtschaft.

Anzeige
www.plus.de

Europa ist der erste Wirtschaftsraum, die die umstrittene Steuer auf Banken- und Börsengeschäfte einführen will, um Zocker und Spekulanten abzuschrecken. Zum Januar 2014 hätte es losgehen sollen. Elf Länder unterstützen die Abgabe gegen den Widerstand von Banken und Industrie. Angeführt wird die Initiative von Deutschland und Frankreich, mit dabei sind zudem unter anderem Italien, Spanien, Belgien, Österreich, Portugal und Griechenland. Es werden Einnahmen von 30 bis 35 Milliarden Euro erwartet. Sowohl Käufer als auch Verkäufer sollen den Plänen der EU-Kommission zufolge besteuert werden. Typische Produkte für Kleinanleger wie Hypotheken, Kredite und Versicherungsbeiträge wären nicht betroffen.

Dazu muss man wissen, daß die Briten ihr weltumspannendes Steueroasen-Empire aus 14 Inseln für Geldwäsche und Steuerhinterziehung verteidigen wollen, u. a.

  • Isle of Man
  • Jersey
  • Guernsey
  • Cayman Islands
  • Britische Jungferninseln
  • Gibraltar
  • Bermuda
  • Anguilla
  • Turks- und Caicos-Inseln …

und für dieses Geschäftsmodell ist zu große Nähe zu den europäischen Nachbarn und deren Finanzämtern eher schädlich. Dutzende Unterhausabgeordnete und Lords sind Aufsichtsratsmitglieder in Firmen mit Offshore-Konten. Das einzigartige Netzwerk der Steueroasen gilt als nationaler Standortvorteil.

Da braucht es niemanden mehr zu wundern, dass die Briten weiterhin ihr eigenes Süppchen kochen wollen und sich Europa lieber aus sicherer Distanz ansehen. Es ist für sie besser, wenn Europa weiterhin klein bleibt und sich nicht zu sehr in britische Interessen einmischen kann. Schäuble: “ wir reden mit den Briten, aber (unter der Hand), nicht in der Öffentlichkeit.“! Verständlich, ein Geschäftsmodell, das man besser verschwiegen betreibt, unterliegt der Omertà.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.